Der Brief eines Musikschullehrers an den NÖ Musikschulbeirat


Sehr geehrte Damen & Herren des Musikschulbeirats,

„Wer zahlt, schafft an“ besagt ein Sprichwort. Wie hinlänglich bekannt ist, teilen sich das Land NÖ, Gemeinden & Schüler/innen die Kosten der Musikschulen zu jeweils einem Drittel. Normalerweise benötigt man in einer Firma eine Mehrheit von über 50% um die Marschrichtung „absolut“ vorgeben zu können. Im Falle der Musikschulen in NÖ fördert das Land den Unterricht „nur“ zu einem Drittel, trifft aber trotzdem für den Musikschulbetrieb wesentliche Entscheidungen, ohne die Mehrheit der Kostenträger (Gemeinden & Schüler/innen) einzubinden. Die Mehrheit dieser Parteien wird aber durch kurzfristige Beschlüsse regelrecht übergangen und unter Druck gesetzt. Folgendes Szenario hat sich in den letzten Jahren wiederholt abgespielt: Bei fast jeder Konferenz wurden wir über weitere Einschnitte oder zusätzliche Belastungen (z.B. 1. Erwachsenenregelung, „fast-nur-mehr-halbe-Stunden-Regelungen“, Studie Arbeitsplatz Musikschule) informiert. Einige Kolleg/innen haben bei der ersten Erwachsenenregelung bis zu 50% ihrer Unterrichtsstunden verloren. Gerade bei einem so tiefen Einschnitt wie der 0% Erwachsenen Regelung wäre zumindest eine Übergangsfrist wünschenswert gewesen.

Durch diese Vorgehensweise liegt eine große Verantwortung auf den Entscheidungsträgern. Die Beschlüsse bzw. Empfehlungen sollten wohl durchdacht, mit Weitblick gefasst werden und auch die Meinung der Basis mit einbeziehen. Stattdessen wird manche systemrelevante Angelegenheit anscheinend im Hinterzimmer durchgepaukt. Interessant ist auch, dass niemand so genau weiß, in welcher personellen Konstellation der Musikschulbeirat rechtskräftige!? Empfehlungen geben darf.

„Angeblich hat gestern (04. Mai 2010) eine außerordentliche Musikschulbeiratssitzung stattgefunden, jedoch ohne zentrale Mitglieder des Beirates mit beratender Funktion, wie z.B. den Vorsitzenden des Musikschullehrerausschusses der Gewerkschaft, dazu einzuladen.“ Quelle: INFO 053 Infonetzwerk NÖ Musikschullehrer/innen,

www.noe-musikschulinfo.net

Man braucht nicht dabei gewesen zu sein, um auf die Ergebnisse blicken zu können.

Die geplante Reduktion des Erwachsenenanteils auf 0% und Altersgrenze 19 Jahre zeigt, dass über einige, für den Musikschulbetrieb wesentliche Dinge, wenig nachgedacht wurde. Anscheinend wurde schon öfters bei Gesetzesentwürfen auf in der Praxis stehende Experten „gerne“ verzichtet.



Was nützen die ambitionierten Fachgruppentreffen, Leitertagungen, Konferenzen und unzähligen Besprechungen, wenn anschließend die betreffende Musikschullehrerschaft übergangen wird?

1: Mit dem derzeit an Musikschulen gängigen - erst vor kurzem beschlossenen - Konzept Elementarstufe, Unterstufe, Mittelstufe, Oberstufe ist eine Lerndauer von ca. 12-14 Jahren möglich. Damit sich das ausgeht, müssten die Schüler/innen bereits mit 4 Jahren beginnen, um mit 18 Jahren abschließen zu können. Bei einigen Instrumenten ist es sinnvoll, erst etwas später, mit 8-10 Jahren, mit dem Unterricht zu beginnen. Wenn jemand erst mit 12 Jahren beginnt, könnte er nach dem neuen Modell nur max. 7 Jahre lernen (bei meistens einer halben Stunde Unterricht pro Woche). Das würde dem Streichen der Oberstufe in der AHS gleichkommen, ohne die Rahmenbedingungen dem Unterricht anzupassen.

2: Die erwachsenen Schüler/innen (vor allem die Gruppe zwischen 18-27 Jahre) stützen an unserem Standort wesentlich Bands, Ensembles. Etwa 50% der Mitwirkenden in unseren Ensembles sind älter als 18 Jahre und würden keinen Unterricht mehr bekommen. Das kann kein Beitrag zur Qualitätsverbesserung sein, wenn die Aufbauarbeit der letzten Jahre für ein Ensemble inklusive Einzelunterricht mit einem Schlag zunichte gemacht wird.

3: Der Bereich der Popularmusik ist stark von dieser Altersbegrenzung betroffen, da sich die Schüler/innen besonders im Alter zwischen 12 und 16 Jahren für diesen Musikstil zu interessieren beginnen. Ich habe einige sehr talentierte Schüler/innen die zwischen 16 und 22 Jahren alt sind, und weiterhin noch einige Jahre vom Unterricht profitieren können. Soll ich ihnen wirklich sagen: “Du bist zwar sehr talentiert, aber das Land Niederösterreich will dich nicht mehr fördern. Nächstes Jahr ist für dich in der Musikschule kein Platz mehr.“

4: Einige meiner erwachsenen Schüler/innen (über 30 Jahre) organisieren selbstständig Konzerte, bei denen sie auch persönlich mitwirken, unterrichten selbst an Regelschulen, gestalten Messen mit, wo sie sich mit ihren weiterentwickelten Fähigkeiten besser einbringen können. Sollen auch sie nicht mehr gefördert werden, obwohl sie einen nicht unerheblichen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten?

Diese rücksichtslos umgesetzte Neuregelung der Altersgrenze macht jahrelange, wertvolle Aufbauarbeit zunichte, da sich bei vielen Schüler/innen bei späterem Einstiegsalter im Regelfall nur Unterstufe und Mittelstufe



ausgehen werden. Damit wird logischerweise auch das Durchschnittsniveau mittelmäßiger – eine weniger repräsentative Elite, die aber eigentlich das Aushängeschild des Musikschulsystems sein soll.

Das ist einigen Experten anscheinend nicht klar oder finanziell motivierte „Stundenverschiebespielchen“ sind hier wichtiger als die Förderung von zu einem guten Teil hochbegabten Schüler/innen.

Es entsteht für mich der Eindruck, dass von uns Lehrern zwar maximaler Einsatz, beste Ausbildung, langfristige Planung des Unterrichts erwartet werden, aber in den entscheidungstragenden Gremien immer wieder scheinbar willkürliche bzw. nach finanziellen Maßstäben motivierte Entscheidungen getroffen werden, die langfristig dem ganzen System nachhaltig schaden. Das „Gefühl für die Basis“ ist praktisch nicht vorhanden. Ich wünsche mir von einer kompetenten Führung, dass die von uns geforderten Qualitätsstandards auch in der Leitungsebene Anwendung finden.

Vielleicht haben die Hiobsbotschaften, die in den letzten Jahren mehrmals auf uns niedergeprasselt sind, auch einen ganz anderen Zweck:

„Psychotricks. Diese subtile Form von psychologischer Folter funktioniert hervorragend, wenn es darum geht, seine Untergebenen in einem permanenten Zustand von Selbstzweifel und Angst zu halten. Die totale Verwirrung macht sie so gefügig, dass sie sich bereitwillig schikanieren lassen“ Zitat aus dem Buch A$$hole von Martin Kihn

Anmerkung zum Zitat: in diesem Buch geht es nur um die Androhung von Maßnahmen – in unserem Musikschulsystem werden diese Maßnahmen aber konsequent umgesetzt.

Kurz zu meiner Person:

ich unterrichte seit 14 Jahren an einer Musikschule in Niederösterreich Jazzklavier & elektronische Tasteninstrumente und seit mehreren Jahren an der Universität für Musik & darstellende Kunst in Wien. Als Musiker bin ich in mehreren Bands aktiv und habe in den letzten 15 Jahren bei zahlreichen Auftritten mitgewirkt.

mit nachdenklichen Grüßen

Mag. Wolfgang Bayer

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www.wolfgangbayer.info